Afrika ist für mich inzwischen die Blüte des Lebens. Oder, wie allgemein bekannt, die Wiege der Menschheit.
Ich erinnere mich noch sehr gut an die schweren Zeiten meines Lebens. Geprägt von Depressionen, Motivationslosigkeit und negativen Gedanken konnte ich mich teilweise nicht einmal mehr aufraffen, morgens aufzustehen.
Heute sieht das anders aus. Ich habe mich neu verliebt. In meine künftige Frau, jeden Tag aufs Neue, aber auch in mein eigenes Leben. Uganda hat einen großen Teil dazu beigetragen. Ich fühle mich motivierter und lebendiger als je zuvor. Ausgeglichener, fröhlicher, lustiger.
Community, also die Gemeinschaft, ist ein großes Thema in Afrika. Uganda ist da keine Ausnahme.
Präsident Museveni meinte einmal sinngemäß, dass selbst ein Idiot in Uganda überleben könne. Er bezog sich dabei auf das Klima und die natürlichen Lebensbedingungen. Für mich passt dieser Gedanke auch zu dem Miteinander, das ich dort erlebe.
Ich komme mit meinen Beiträgen gar nicht mehr hinterher, so viel erlebe ich dort in kürzester Zeit. Momente, in denen sogar ich sprachlos werde. Und das liegt nicht nur an der wunderschönen Natur, den Elefanten, die plötzlich vor dir über den Feldweg trampeln, oder dem wunderschönen Wetter.
Nein, es sind vor allem die Menschen, die mich jedes Mal aufs Neue überraschen.
Ein kleines Mädchen und meine Wäsche
Bei meinem letzten Besuch war meine Verlobte beim Deutschkurs, während ich zu Hause noch im Bett lag. Plötzlich fing es an zu regnen und mein Handy klingelte.
„Geh nach draußen, deine Wäsche hängt da noch!“
Ich sprang auf und wollte rausgehen, als plötzlich ein kleines Mädchen vor mir stand. Meine Wäsche lag auf ihren ausgestreckten Armen. Zusammengelegt und sortiert.
Ich hatte das Telefon noch am Ohr und meinte: „Warte mal kurz, da steht ein kleines Mädchen.“ Dann legte ich auf.
Ich wusste gar nicht, was los war. Will sagen, ich komme aus einer Ellenbogengesellschaft, wo die Leute wahrscheinlich eher lachen würden: „Schau mal, der Idiot hat seine Wäsche draußen hängen lassen.“
In dem Moment war ich komplett perplex und wusste gar nicht, was ich machen sollte. Ich nahm die Wäsche entgegen, sagte „Warte kurz“, ging zum Kühlschrank und holte eine große Box Gummibärchen, die ich aus Deutschland für die Kids mitgebracht hatte.
Ging nach draußen und hielt dem Mädchen die Box hin. Sie nahm ein paar, ganz bescheiden, und ich gab ihr zu verstehen, dass sie ruhig mehr nehmen könne. Sie nahm noch ein paar. Nicht viele. Dann schaute sie mich an.
„That’s enough.“
Zu Deutsch: „Das reicht.“
Sie drehte sich um und ging.
Ich schaute ihr nach, während mein Telefon wieder klingelte, und beobachtete, wie sie in der Ferne verschwand. Inzwischen ließ der Regen nach.
„Hast du deine Wäsche reingeholt?“, hörte ich am Telefon.
„Nein, das kleine Mädchen.“
„Welches Mädchen?“
„Wir reden später, ich bin gleich da.“
Als Edna dann nach Hause kam, erzählte ich ihr die Geschichte. Sie lachte: „Ich kann mir schon vorstellen, wie verdutzt du da standest.“
Ja, ich war komplett überfordert. Sorry, ich kenne das halt nicht so. Ich dachte, vielleicht hatte Edna sie geschickt oder so.
Sie erklärte mir aber, dass das ganz normal sei. Die Nachbarn sehen, dass die Wäsche noch draußen hängt, und schicken dann eben ihre Kinder rüber, damit die schnell helfen.
Für mich war das völlig ungewohnt. In Deutschland wäre mir so etwas kaum vorstellbar.
Es sind Kleinigkeiten, die mich das Leben wieder lieben lassen. Diese Begegnung ist eine davon. Aber es gibt noch weitere.
Danke für eure Unterstützung!
Beispielsweise, wenn wir abends essen gehen. Parkplatzwächter sind dort ganz normal. Und es ist auch nicht ungewöhnlich, dass dir die Wache mit einer Kalaschnikow und einem breiten Grinsen entgegenkommt.
An einem Abend waren wir im 4 Points Restaurant. Der Wächter öffnete die Tür unseres Autos und ließ mich aussteigen.
„You are very much welcome.“
Ich beugte mich nach vorne und bedankte mich.
Das Essen war gut, der Abend entspannt. Als wir wieder zurück zum Wagen gingen, waren wir zugeparkt. Die Wache kam, wieder mit einem breiten Grinsen.
„Thank you for your support!“
Danke für eure Unterstützung!
Danke für die Unterstützung. Ja, ich schreibe es zweimal. Denn wie mein Chef immer sagt: „Die Kunden zahlen unser Essen.“
Und ich hatte in dem Moment das Gefühl, dass er sich tatsächlich gefreut hat, dass wir da waren. Dass unser Besuch für ihn etwas wert war und er uns nicht einfach als selbstverständlich ansah.
Ich drückte ihm dann 4.000 Schilling in die Hand, also ungefähr einen Euro, und bedankte mich mit: „Thank you, Ssebo.“
Ssebo steht für „Sir“ oder „Herr“. Das weibliche Gegenstück wäre Nnyabo. Und ja, ich lerne ein wenig Luganda. Oder zumindest ein paar Dinge, die ich im Alltag gebrauchen kann.
Die Sprache hat für mich so gar keinen Bezug zu irgendetwas, das ich kenne. Ich meine, Niederländisch ist leicht, wenn man Deutsch und Englisch spricht. Das ist einfach irgendwas dazwischen. Bei Spanisch kann ich mir auch noch einiges über englische Wörter herleiten.
Aber Luganda … oh Mann.
Doch ich schweife ab.
Ein Lachen, das sich kaum beschreiben lässt
Ein anderer Punkt ist, dass viel gelacht wird. Nicht aufgesetzt oder, neudeutsch, „fake“. Es ist herzlich.
Als wir den Murchison-Falls-Nationalpark verließen, fragte uns einer der Ranger am Ausgang: „Und, wie war’s?“
Ich sagte: „Großartig! Nur meine Verlobte hier neben mir hatte etwas Angst vor den Elefanten.“
Er lachte und schlug die Hände zusammen.
„Vor was hast du Angst, Madame?“
Edna erklärte, dass die Elefanten ja auf dem Auto herumspringen könnten und all solche Schauergeschichten. Er lachte weiter und erklärte uns sinngemäß:
„Ach, Quatsch. Wenn die Ohren runterhängen …“
Er machte eine entsprechende Geste mit seinen Händen.
„… dann ist alles okay. Wenn sie aufgestellt sind, dann solltest du dich aus dem Staub machen. Aber das sind sehr friedliebende Tiere, also kein Grund, Angst zu haben.“
So versuchte er, ihr die Angst zu nehmen. Und dieses herzliche, authentische, nicht aufgesetzte Lachen lässt sich kaum sauber in Worten beschreiben. Aber es ist ein Teil der Mentalität, die ich dort unten immer wieder erlebe.
Also kurzum: Gemeinschaft, Dankbarkeit, Herzlichkeit. Alles Dinge, die ich irgendwie auch erwarte und die mir in unserer Gesellschaft inzwischen viel zu oft fehlen. Dort begegnen sie mir im Alltag und berühren mich tatsächlich immer wieder aufs Neue.
Und warum ich die Zukunft eher in Afrika als in Europa sehe, werde ich bestimmt später irgendwann noch schreiben. Ich denke, für heute reicht es erst mal.

