Welches Missverständnis haben viele Menschen über Glück?

Glück ist kein Feenstaub. Kein Wunder. Nichts, was irgendwie durch die Luft fliegt und dann plötzlich da ist.

Für mich ist Glück vor allem die Fähigkeit, Gelegenheiten zu erkennen und sie dann auch zu ergreifen. Ein bisschen umsichtig sein. Schauen, was sich bietet. Und die Gelegenheit, wie man so schön sagt, am Schopf packen.

Ich habe den Eindruck, dass viele unter Glück etwas verstehen, das einfach passiert. Irgendjemand bekommt eine gute Möglichkeit, verändert etwas in seinem Leben oder kommt voran, und hinterher heißt es: „Der hat eben Glück gehabt.“

Als wäre ihm das alles einfach zugeflogen.

Natürlich gibt es Umstände, die man sich nicht aussuchen kann. Manche sprechen beispielsweise von Glück, wenn jemand in eine wohlhabende Familie geboren wird. Da sind die Voraussetzungen sicherlich andere als bei jemandem, der schon früh um jeden Euro kämpfen muss.

Es hat also nicht jeder dieselben Startbedingungen. Aber ist Glück deshalb etwas, das ich entweder habe oder eben nicht?

Die Frage ist für mich eher: Was kann ich aus den Möglichkeiten machen, die ich habe?

Kann ich nicht aufstehen und sagen: „Okay, heute ändere ich etwas an meinem Leben“? Kann ich mir das, was ich als Glück bezeichne, vielleicht auch ein Stück weit selbst erarbeiten?

Ich denke schon.

Denn eine Gelegenheit allein bringt mir erst mal überhaupt nichts, wenn ich sie nicht erkenne. Oder wenn ich sie zwar sehe, aber dann nichts daraus mache.

Manchmal fehlt vielleicht gar nicht die Gelegenheit. Man zerdenkt sie nur so lange, bis sie wieder vorbei ist.

Das kenne ich selbst ganz gut. Über Zukunftsängste und Chancen habe ich schon vor Jahren geschrieben. Man macht sich Gedanken, überlegt, was alles schiefgehen könnte, und riskiert am Ende lieber gar keine Veränderung.

Dass etwas schiefgehen kann, fällt mir meistens ziemlich schnell ein. Die andere Frage wäre: Was könnte daraus werden, wenn ich es trotzdem versuche?

Ich finde es jedenfalls schwierig, hinterher alles auf Glück zu reduzieren, wenn jemand vorher den Mut hatte, etwas anzupacken.

Mit meinem Autounfall ist es wieder eine andere Geschichte.

Man kann sagen: „Da hast du Glück gehabt, dass du überlebt hast.“ Man könnte es auch Vorsehung nennen. Vielleicht sollte es so sein, dass ich heute noch hier sitze. Darüber kann man sich natürlich genauso gut streiten.

Ich weiß es nicht. Es ist auch eine Frage davon, wie man solche Dinge für sich einordnet.

In diesem Fall beschreibt „Glück gehabt“ für mich etwas im Nachhinein. Ich habe überlebt. Das hätte anders ausgehen können.

Aber wenn es darum geht, wie ich mein Leben gestalten möchte, reicht mir dieses Warten auf Glück einfach nicht.

Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, sehe ich jedenfalls mehr als eine Reihe glücklicher Zufälle. In meinem Beitrag über die kleinen Erfolge habe ich erst vor Kurzem beschrieben, wie weit ich inzwischen gekommen bin und wie schnell ich selbst vergesse, was heute alles selbstverständlich geworden ist.

Dazu gehören auch Entscheidungen, Umwege, Fehlschläge und der Versuch, sich immer wieder aus der Scheiße zu ziehen. Ich bin ja nicht eines Morgens aufgewacht und plötzlich war mein Leben ein anderes.

Ich kann nicht alles steuern. Aber ich kann schauen, wo ich selbst etwas ändern kann, welche Möglichkeiten sich bieten und was ich daraus mache.

Eine unsichtbare Kraft namens Glück brauche ich dafür nicht.

Für mich hat Glück deshalb viel damit zu tun, aufmerksam zu bleiben und Gelegenheiten zu nutzen. Sie zu erkennen ist der Anfang. Anpacken und etwas daraus machen muss ich dann schon selbst.

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